Mit dem Trend gehen oder retro bleiben?: Bargeldloses Bezahlen auf Festivals

Das bargeldlose Bezahlen wird seit 2014 auf immer mehr Festivals eingeführt. Vor allem der Veranstaltungsunternehmer FKP Scorpio treibt die Entwicklung in Deutschland voran. Bisher gab es viel Skepsis, mittelmäßige Zufriedenheit und nur wenig Widerstand seitens der Festivalgängerinnen.

21.08.15
Hippie-eskes Gefühl auf Festivals: passen Cashless-Systeme da rein?

• Immer mehr Festivals führen Cashless-Systeme ein
• Bargeldloses Bezahlen auf Festivals wird stark diskutiert
• Die Vorteile überwiegen, auch wenn die Frage nach dem Datenschutz nicht geklärt ist

Als eines der größten Festivals in Deutschland führte das Hurricane in diesem Jahr das bargeldlose Bezahlen per RFID-Bändchen ein. Die Besucher mussten dafür mit ihrer Emailadresse ein Online-Profil anlegen und ihr Ticket und somit auch das Bändchen personalisieren. Auf das Band wurde dann Geld überwiesen. Vorort musste zum Bezahlen nur noch der Arm an das Lesegerät gehalten werden. Wer jedoch das Hurricane mitverfolgt hat, weiß, dass die Cashless-Utopie schief gegangen ist: Direkt am ersten Tag fiel das System aus – ohne dass Havarie-Lösungen zur Verfügung standen.

Wie das Ganze im Detail hätte funktionieren sollen, haben die Veranstalter des Hurricane in einem Info-Film zusammengefasst.

Bargeldloses Bezahlen auf Festivals: Zwischen Konspiration und Leichtsinn

Die Debatte um bargeldloses Bezahlen auf Festivals ist deutlich zwiegespalten. Die eine Seite – nennen wir sie konnotationsfrei „Verschwörungstheoretiker“ – fürchten um ihre Daten, fühlen bei jedem gekauften Bier einen wertenden Blick aus der Big-Data-Wolke im Nacken und haben Angst vor einem nicht zu zügelnden Kontrollverlust beim Geld ausgeben.

Auf der anderen Seite stehen die „Leichtsinnigen“, die das Wort ‚Überwachungsstaat‘ bereits während der Schullektüre nicht erschrecken konnte und die sowohl ihren BMI als auch den Alkoholpegel aufzeichnen lassen würden, sofern das Anstehen in der Schlange zwei Sekunden kürzer dauert.

Bei den Verschwörungstheoretikern überwiegt die Ansicht, dass es niemanden zu interessieren hat, ob ich mir um fünf Uhr morgens noch zwei Biere kaufe oder bereits die dritte Pizza in 24 Stunden esse. Das „Über-die-Strenge-schlagen“ auf dem Festival soll ungesehen bleiben. Die Leichtsinnigen hingegen vertrauen ihrem Festivalveranstalter blind und zweifeln nicht daran, dass das RFID-Bändchen allein dazu dient, die Abläufe zu optimieren und das Diebstahlrisiko zu vermindern.

Beide Seiten sind nachzuvollziehen. Stellt sich also die Frage, welche Kritikpunkte am bargeldlosen Bezahlen per Funkchip berechtigt sind und welche Vor- und Nachteile sich für wen ergeben.

Vorteile für Festivalgänger beim bargeldlosen Bezahlen mit RFID

An die Verschwörungstheoretiker: Ja, bargeldloses Bezahlen hat Vorteile und die sind nicht zu knapp. Wer schon mal auf einem Festival bestohlen wurde oder seine Brieftasche verloren hat, stand vor dem Problem irgendwie und möglichst schnell wieder an Bargeld zu gelangen. Hinzu kommt, dass sämtliche Kredit- und EC-Karten, die im Portemonnaie waren, plötzlich gefährdet sind. Ist man nun gezwungen die Kreditkarte sperren zu lassen, kommen weitere Kosten und Umständlichkeiten hinzu. Auf einen Schlag wird aus Musik und Spaß, Ärger und Frust. Die Idee ist also berechtigt, bargeldlos und ohne Geldkarten in der Hosentasche auf Festivals bezahlen zu wollen.

Die Lieblingsband spielt, doch das Getränk ist leer und die Schlange ewig lang. Das Problem ist so alt wie die großen Festivals selbst. Helfen wollten sich die Veranstalter, indem die Wertmarke eingeführt wurde. Doch auch Wertmarken und Pfandtaler müssen gekauft werden, ergo: das Bargeld bleibt weiterhin in der Hosentasche. Vor allem am ersten Festival-Tag ist die Schlange am Wertmarkenstand bekanntlich die Längste. Summiert man nun all die Verzögerungen in einer Schlange, die entstehen, wenn Festivalgänger die richtige Anzahl der Wertmarken nach Abzug der Pfandbecher suchen, erhält man die Wartezeit, die sie von ihrer Lieblingsband abhält. Zudem sinkt mit den Cashless-Systemen das Risiko, dass sich Hilfskräfte bei den großen Mengen an Menschen, Getränken und Wertmarken verrechnen. Bargeldloses Bezahlen auf Festivals, also praktisch gesehen das schlichte Dranhalten des Bändchens an ein Lesegerät, ist logischerweise kürzer – es sei denn die Technik funktioniert nicht. Wie bei jeder Neuerung werden sich aber auch die aktuellen, technischen Kinderkrankheiten im Laufe der Zeit auskurieren.

Band oder Bier?

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Ein Kritikpunkt der Verschwörungstheoretiker ist, dass bargeldloses Bezahlen per RFID-Bändchen die Übersicht und die Kontrolle über das Geld-Ausgeben mindert. Das mag – wie auch schon bei Geldkarten – tatsächlich der Fall sein. Vertraut man sich in Sachen Bier, Schnaps und gutem Essen selber nicht so recht, empfiehlt es sich einen kleineren Betrag auf den Chip zu überweisen. So sollte die Angst zu viel Geld auszugeben, gebändigt sein. Darüber hinaus wird jedes Mal, wenn ein Getränk gekauft wird, am Lesegerät der aktuelle Kontostand auf dem Chip angezeigt. Die Übersicht ist gegeben und das Blinken der immer kleiner werdenden Zahl ermahnt ohnehin zur Zügelung. Wer jedoch viel zu viel auf das Bändchen lädt, der kann sich den Restbetrag nach dem Festival entweder bar auszahlen oder überweisen lassen.

Bargeldloses Bezahlen mit dem Bändchen: Die Nachteile

Als größte Gefahr und somit als Nachteil muss das Thema Datensicherheit genannt werden. Ob auf dem diesjährigen Hurricane, melt! oder splash!-Festival: Jeder Einkauf wird gescannt. Bei personalisierten Bändchen wird zusammengetragen, wie viel Sie von welchem Getränk zu sich genommen und wann Sie welches Essen gekauft haben. Das Bändchen steht in direkter Verbindung zu Ihrem Namen, Ihrer Anschrift, Ihrem Alter. Bargeldloses Bezahlen bedeutet also, dass Informationen zu jedem Kauf aufgezeichnet werden.

Das Gefühl der Überwachung ist besonders im Kontext eines Festivals, das viele als „non plus ultra“ des freien Lebensgefühls wahrnehmen, unangenehm. Dass der Festivalveranstalter weiß, welches das Lieblingsessen der Männer oder Frauen war und welches Getränk in welcher Altersgruppe am besten ankam, wäre zu verkraften. Immerhin kann mit solchen Informationen das nächste Festival präziser und kundenorientierter geplant werden. In diesen Aspekten kann bargeldloses Bezahlen auf Festivals zu mehr Nachhaltigkeit und sinnvoller Planung führen. Sollte jedoch die Sammlung von Datenmassen der wichtigste Grund für Festivalveranstalter sein, das RFID-Bändchen einzuführen, ist es schade, dass auf Dialog, Beobachtung und Intuition verzichtet wird, um Musikereignisse vollends zu kommerzialisieren.


Hippie

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All das, bis hierhin, wäre jedoch als eine Frage des Stils zu bewerten. Werden die Daten hingegen zur Auswertung an Brauereien, Agenturen, Krankenversicherung und Konzertveranstalter verkauft, so können konkrete Nachteile für die Besucher entstehen. Anstatt aber die Bändchen komplett abzulehnen und damit auch die Vorteile des bargeldlosen Bezahlens zu verwerfen, sollte nach Lösungen gesucht werden, wie die angesammelten Daten nutzlos werden. Werden die Tickets beispielsweise nicht personalisiert, können Daten nicht zugeordnet werden. Denkbar wäre auch, keine Produktnamen abzuspeichern, sondern nur Beträge. So würde auf dem Chip abgelegt, dass Sie drei Mal ein Produkt für beispielsweise zwei Euro gekauft haben, nicht jedoch, dass es zwei Wasser und eine Pommes waren. An solchen minimalen Informationen können Veranstalter immer noch ablesen, ob ein Stand gut läuft oder ob er ausgetauscht werden muss. Eine Kombination solcher Maßnahmen würde den Verkauf der Daten unsinnig machen.

Allgemein betrachtet, geht es in diesem Punkt nicht um eine exklusive Kritik am bargeldlosen Bezahlen auf Festivals, sondern um eine Grundsatzdebatte über Datenschutz im digitalen Zeitalter. Anstatt den Fortschritt mit all seinen Vorteilen hemmen zu wollen, müssten Veranstalter viel eher und präziser transparent legen, was mit den Informationen passiert und was für den Datenschutz der Besucherinnen getan wird. Das Problem selbst, und das müssen wir uns klar machen, besteht überall. Nutzen Sie WhatsApp, Facebook und Co., werden Sie ohnehin getrackt.

Neben dem wichtigen Thema der Datensicherheit gibt es kleinere Kritikpunkte, die individuell anders wahrgenommen werden. So gibt es Besucher, die es umständlich finden vor dem Festival einen speziellen Online-Account einzurichten und zu verwalten. In der Tat fühlt es sich an, als müsste ein separates Konto für das bargeldlose Bezahlen verwaltet werden. Für einige passt das zu Recht nicht zum lockeren Festival-Dasein. Alternativ kann das Bändchen aber an Funkstationen auf dem Festivalgelände aufgeladen werden. Wie die diesjährige Festivalsaison gezeigt hat, war der Andrang bei den Aufladestationen ähnlich groß, wie bei den klassischen Wertmarkenständen. Das heißt zumindest, dass die Situation durch die RFID-Bändchen nicht verschlechtert wird.

Bargeldloses Bezahlen auf Festivals: Mit dem Trend gehen oder retro bleiben?

Abgesehen von dem bargeldlosen Bezahlen per Funkchip, soll in der nächsten Festivalsaison eine Smartphone-App eingeführt werden. Diese App soll einerseits die Verwaltung der eigenen Festival-Finanzen unterstützen. Andererseits wird für die Veranstalter auch hier wieder ein Datenvorteil im Spiel sein. Die App wie auch das bargeldlose Bezahlen mit dem Bändchen ist für all diejenigen Festivals in Deutschland interessant, die eine Kapazität von mehr als 10.000 Besuchern haben. Cashless-Systeme erleichtern den Veranstaltern viele Aspekte ihrer Logistik und Planung und je größer das Festival, desto stärken können auch die Vorteile wirken.

Beispielsweise können mit dem bargeldlosen Bezahlen die Standkosten der Getränke- und Imbissbuden anteilig am gemessenen Umsatz und nicht mehr pauschal berechnet werden, was für alle Beteiligten am fairsten ist. Mit dem Trend gehen, heißt in diesem Fall, dass ein klassischer Wert wie Gerechtigkeit zu neuen Justierungen führt.

Besucherinnen des M'era Luna Festivals haben in diesem Jahr gezeigt, dass auch der Konsument mitgestaltet und notfalls eine Einführung der Cashless-Systeme verhindern kann. Mit einer Online-Petition stoppten sie aus Vertrauensgründen die diesjährige Einführung des bargeldlosen Bezahlens.

Petition gegen RFID

Online Petition von M'era Luna Besuchern

Langfristig lässt sich Fortschritt – wenn der Mehrwert stimmt – nicht aufhalten. Daher sollten sich sowohl Besucherinnen als auch Veranstalter dafür einsetzen, dass die aktuellen Veränderungen das gelassene Lebensgefühl auf Festivals nicht beeinträchtigen. Letztlich sitzt der Konsument in Sachen bargeldloses Bezahlen am längeren Hebel. Grundlegend gilt jedoch: Auch die Zukunft kann retro sein, mit der richtigen Atmosphäre und einer soliden Vertrauensbasis.

Autor: Urszula Hulboj